"Jahrhundertspiel" ohne Fortune

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Vorgängerclub SV Türkgücü Wittlich sorgt im Saisonfinale 2006/07 für einen unvergleichbaren Zuschauerrekord.

Wittlich. Es war ein denkwürdiges Finale, das die weit über 3000 Zuschauer an jenem 6. Mai 2007 erlebten. Der Blick geht ins Archiv im Nachgang an eines der emotionalsten Partien in der Clubgeschichte.

Es war ein Finale furioso: Erst das letzte Spiel der Saison 2006/2007 brachte Klarheit über den neuen Aufsteiger in die Mosel-Kreisliga A. Vor der für B-Liga-Verhältnisse ungewöhnlichen Rekordkulisse von 2000 zahlenden Zuschauern setzte sich der TuS Platten in letzter Sekunde gegen den damaligen SV Türkgücü Wittlich mit 2:1 durch.

Ausnahmezustand herrschte an jenem 6. Mai 2007 im Stadion „Am Bürgerwehr“ in Wittlich. Damals noch auf dem ungeliebten Hartplatz, der erst drei Jahre später dem künstlichen Grün weichen sollte. Es war ein „Endspiel“, das die Gemüter noch Jahre danach bewegen sollte. Denn es kamen weit mehr als 2000 Zuschauer, die offiziell in den einschlägigen Statistiken auftauchten. Die Angabe der Wittlicher Vereinsverantwortlichen, deren Club seinerzeit noch SV Rot-Weiss Türkgücü Wittlich hieß, belief sich auf die zahlenden Zuschauer.

Tamer Yigit, der in der Wittlicher Startelf stand und unter dem damaligen Spielertrainer Ayhan Apaydin Kapitän war - später auch Trainer und Vorsitzender - erinnert sich: „Die Zuschauer drängten sich dicht an dicht an allen vier Seiten. Die Seite, auf der die Traversen waren, war brechend voll. Meines Wissens waren es damals 4400 Leute, die kamen. Es war schon eine halbe Stunde vor Beginn sehr unübersichtlich.“

Augenzeugen berichteten, dass sich die ein Dutzend starke Polizeieinheit, die dem Derby zugeteilt war, unvermittelt zurückzog, als sich Hunderte von Besuchern vor dem einzigen Kassenhäuschen drängten und daraufhin das Kontingent aufgestockt werden musste, um einen reibungslosen Ablauf zu bewerkstelligen. „Die Polizei hatte einen Tag früher Platz und Umfeld inspiziert“, so Yigit. Eine solche Kulisse war seine Mannschaft nicht gewöhnt. „Als wir aus der Kabine kamen und sahen, dass sich die Schlange der Zuschauer bis raus auf den Parklatz ausdehnte, htten wir die Hosen voll.“

Zum Vergleich: den Zweitligaaufstieg der TSG Hoffenheim sahen im gleichen Jahr gerade mal 3000 Zuschauer. Dieser Bundesrekord für eine B-Klasse wurde erst geknackt, nachdem der 1. FC Lok Leipzig nach dessen Insolvenz und anschließender Neugründung in der C-Klasse antreten musste und in der nachfolgenden B-Liga-Saison schon mal 4500 Zuschauer ins Bruno-Plache-Stadion nach Probstheida strömten.

Das Spiel selbst war an Dramatik kaum zu überbieten. Türkgücü, das 2016 aufgrund der Nationalitätenvielfalt den Zusatz „Türkgücü“ strich und sich in Rot-Weiss Wittlich umbenannte, reichte ein Unentschieden zur Meisterschaft und erstmaligen Aufstieg in die Kreisliga A. Der TuS aus dem acht Kilometer entfernten Platten musste gewinnen – egal wie. Im Trierischen Volkfreund stand, dass es bereits in der „siebten Minute das erste Mal im Wittlicher Kasten einschlug. Der Plattener Torjäger Dennis Schwab, der in jener Saison 32 Mal netzte, hatte nach einer Unachtsamkeit die frühe Plattener Führung erzielt. Türkgücü allerdings ließ sich vom frühen Rückstand nicht aus dem Konzept bringen und setzte auf seine Trümpfe im Sturm.“

Gefürchtet waren seinerzeit die Angreifer Ayhan Apaydin und Özgür Altiparmak. Letzterer gelang in der 68. Minute per Kopf der viel umjubelte Ausgleich. Yigit: „Wir haben den Gegner fast die gesamte Spielzeit beherrscht. Platten war platt.“ Die letzten 22 Minuten wogten auf und ab, doch niemand glaubte so wirklich an ein Plattener Siegtor, auch, weil Türkgücü stabil hinten stand.

Der TV schrieb, dass „sich die Dramatik steigerte: Als keiner mehr an ein Plattener Tor glaubte und sich die Wittlicher schon gedanklich bei der anschließenden Jubelprozedur wähnten, geschah das Unglaubliche.“ Einen Schuss von der rechten Seite ließ Keeper Patrick Wawrzynek verspringen und Schwab machte aus spitzem Winkel den Plattener Sieg wasserdicht. Mitten ins Herz getroffen, entfachten die Deutsch-Türken in der Nachspielzeit eine Angriffswoge nach der anderen, doch mit Fortuna waren sie nicht im Bunde. 400 mitgereiste Plattener Fans feierten anschließend den Aufstieg frenetisch, während der SV in der (erfolglosen) Relegation nachsitzen musste.

Der TuS stieg nach zweijähriger Abstinenz ins kreisliche Oberhaus auf. Diesen Erfolg beschrieb der damalige Clubchef Stefan Hayer mit den Worten: „Über die gesamte Saison gesehen, war der Aufstieg dann doch verdient.“ Denn mit dem Abstand besten Angriff und der zweitbesten Defensive entpuppten sich die Wittlicher Vorstädter als wahre „Feuerwerks-Entfacher“. Der damalige Geschäftsführer und Trainer (mit Axel Görgen) und jetzige Vorsitzende des TuS, Werner Koller, sagte seinerzeit: „Es war ein glücklicher, aber kein unverdienter Sieg. Die hohe Disziplin war der Schlüssel zum Erfolg. Zudem hat Marko Neuwinger überragend gehalten.“

Bereits im Hinspiel hatten sich beide Liga-Überflieger beim 3:3 in Platten ein Offensiv-Feuerwerk vom Feinsten vor 800 Zuschauern geliefert. Der TV titelte am 7. Mai: „Herzschlagfinale und Jahrhundertspiel“. So waren die Zuschauerzahl sowie die Fairness auf Rängen und Platz über Jahre hinweg ein Maßstab für den Kreis-Fußball in der Region. Nie wieder danach wurde eine solche Zuschauerkulisse erreicht. Doch Tamer Yigit mutmaßt: „In der gemeinsamen A-Liga-Saison unserer Mannschaft mit der SG Wittlich waren es in Lüxem zu unserem entscheidenden Auswärtsspiel 1500 zahlende. Das Spiel war restlos ausverkauft. Hätte das Spiel in Wittlich auf dem Kunstrasen stattgefunden, hätte der damalige Rekord wohl gewackelt.“ Während Wittlich im Jahre 2013 endlich in die A-Liga aufstieg, musste Platten nach der Saison 2010/11 nach drei Jahren A-Klasse den bitteren Gang in die B-Liga antreten.